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Es ist ein bisschen wie ein Besuch im Märchenland – oder besser gesagt, im Märchenbuch. Nach einer Fahrt über wellige Hügel und weite Felder biegt man ein in einen mit Natursteinen gepflasterten Vierseitenhof, um die Jahrtausendwende mit viel Liebe zum Detail restauriert. Neben der in roten Porphyr gewandeten Tür steht ein alter Besen, vor dem Haus schütten sich selbst im Winter die Hortensienblüten aus, wenn auch vom Frost getrocknet. Ihrem knisternden Zauber tut das keinen Abbruch.

Der Gang über das Feldsteinpflaster – viele Steine sind hochkant gesetzt, so dass die schmale, spitzzüngige Kante nach oben steht – ist für stadtgewohnte Besucher nicht einfach. Doch die Trippelei auf hohen Hacken zahlt sich aus. Denn im ehemaligen Kuhstall des Vierseithofes, unter historischem Kreuzgewölbe, getragen von mächtigen Säulen aus leuchtend rotem Porphyr, betreten wir die Welt von Ingrid Trommer. Mit einem freundlichen – im Märchen würde es heißen: „gütigen“ – Lächeln nimmt sie ihre Besucher in Empfang. Ihr Reich ist die Welt des Papiers. Mit allem, was dazugehört: Alte Druckerpressen, Stanzen, Prägepressen, Schneidemaschinen, Bohrmaschinen – allesamt historisch, in ehrlichem Schwarz, so wie eine gusseiserne Maschine in den Glanzzeiten des 20. Jahrhunderts auszusehen hatte – bevölkern Ingrid Trommers Kartonagenwerkstatt. Und überall Papier. Aber was für Papier. Edelstes italienisches Feinpapier mit Florentiner Muster. Handgeschöpftes in allen erdenklichen Farben. Büttenpapier mit hauchzarten Wasserzeichen. Weißes Papier, das aber so gar nicht an das Kopier- und Druckerpapier erinnert, das man aus dem modernen Büroalltag kennt. Hier wohnt Papier, das lebt. Mit natürlichen Strukturen, feiner Maserung, kleinen Holzeinschlüssen, schönsten Mustern. Am liebsten schneidet Ingrid Trommer es nicht auf die richtige Größe, sondern sie reißt es. Das gibt so schöne, ehrliche Ränder.

Was Ingrid Trommer und ihr Mann Eckhart aus Pappe, Karton und Papier alles zaubern, lässt sich im kleinen Schau- und Verkaufsraum im Obergeschoss bestaunen. Die alte Bauerntür knarzt leise, als sie uns den Weg zur hölzernen Treppe freigibt. Irgendwie riecht es hier selbst im Winter nach Lavendel. Und dieses luftig-leichte Lebensgefühl, das an duftende Sommertage in kurzen Tupfenkleidchen auf weiten Feldern erinnert, findet in Ingrid Trommers fantasiereichen Kreationen kunstvolle Gestalt. In ihren Kisten schlummert Handwerkskunst, die das Herz zu Freudentränen rührt. Das, was man sich als Kunst der Buchbinder vorstellt, so wie sie im Florenz der Renaissance blühte oder im elisabethanischen England. Kleine Visitenkartenkästchen, ausgekleidet mit feinstem Schmuckpapier. Fotoalben mit meisterhafter Japanbindung aus zarten Fäden, am unverdeckten Rücken so gekonnt verknüpft, dass sie das ganze Werk sicher und unglaublich filigran zusammenhalten. Zeugnismappen und Herbarien, die sich zum ersten Mal im Leben als würdige Hülle für die mit höchstem Aufwand gesammelten Inhalte erbieten. Skizzenbücher und Notizhefte, die bereit sind, die edelsten Gedanken und schönsten Bleistiftstriche in stiller Erhabenheit aufzunehmen und für die Ewigkeit festzuhalten. Allen dieser Meisterwerke ist die geschmackvolle Auswahl und Zusammenstellung von Papieren eigen, von Ingrid Trommer in traditioneller Buchbindekunst meisterhaft zu wertvollen Unikaten verarbeitet.

Diese meisterhafte Qualität, dieses Auge für Ästhetik und dieser untrügliche Blick für das Gute, Ehrliche und Schöne bringt nicht nur Privatkunden in Trommers Kartonagenwerkstatt in Königshain-Wiederau. Auch anspruchsvolle Verlage, Agenturen, Künstler, Autoren und Fotografen schätzen die Handwerkskunst, das Wissen und die unerschöpfliche Ideenvielfalt von Ingrid Trommer. Schildert man ihr einen Wunsch, eine Vorstellung, ja nur eine erste, zarte Idee zu einem außergewöhnlichen Projekt aus Papier, so zückt sie sofort ihren Bleistift und beginnt auf dem Graupapier, das ihren Verkaufstresen schützt, zu zeichnen. Mit wenigen Strichen nimmt eine Buchidee Gestalt an. Eine Prägung hier, ein Stanzloch dort, hier eine Fadenbindung, dort eine Falzung. Immer wieder verschwindet sie in den Tiefen ihres Reiches und bringt ein Papier hervor, das sie sich gut als Einband, für den Innenteil oder als Schmuckpapier auf den Innenseiten vorstellen kann.

Trommers Produktionen sind preisgekrönt. Der in der Königshainer Kartonagenwerkstatt gefertigte Katalog des spanischen Malers und Chirurgen Dino Valls wurde mit dem German Design Award 2018 geehrt. Ein Werk, das wirklich alle Register der hohen Kunst des Buchbindens zieht: Im hinteren Einband verbirgt sich ein Buch im Buch, das doppelt aufzuklappen geht – wie ein klassisches Tafelbild. Das Bild, das den vorderen Buchdeckel schmückt, erweist sich als herausnehmbares Heftchen, das nähere Informationen über die Gemälde des Künstlers enthält. Allein die schiere Stärke des kräftigen Buchdeckels fesselt den Blick – und die Faszination zieht sich von der ersten bis zur letzten Seite des monumentalen Kunstbandes. Ganz großes Kino, das mit mehreren hundert Euro im wahrsten Sinne des Wortes zu Buche schlägt. Doch auch, wer sich aus diesem Zauberwinkel in Königshain-Wiederau nur ein klitzekleines Andenken mit nach Hause nehmen möchte, wird in Trommers Schatzkiste seine ganz persönliche Erleuchtung finden.

Das gibt es hier:

Notizbücher, Skizzenbücher, Foto- und Familienalben, Diplom- und Abschlussarbeiten, Dissertationen, Jahresberichte, Chroniken, Künstlerbücher, Zeugnismappen, Herbarien, Schachteln, Etuis, Mappen und Kartontaschen, als Einzelstücke oder in kleinen Auflagen Reparaturen alter Bücher

Wer hätte gedacht, dass auch Taschen, Etuis und kleine runde Aufbewahrungsboxen aus Papier und Pappe einen so eleganten Blickfang bieten? Foto: Dr. Sternkopf media group
Wer hätte gedacht, dass auch Taschen, Etuis und kleine runde Aufbewahrungsboxen aus Papier und Pappe einen so eleganten Blickfang bieten? Foto: Dr. Sternkopf media group

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