Die Metalldetektorin

Ein bisschen erinnert die Geschichte von Christina Thölke an das Märchen vom Rumpelstilzchen, das einer jungen Frau auftrug, Stroh zu Gold zu spinnen. Nur dass ihr Auftrag heißt: Seltene Metalle, die ihre Mitstreiter aus Abfallprodukten recycelt haben, an den weltweiten Markt zu bringen. Diese Technologiemetalle sind im 21. Jahrhundert ähnlich wertvoll wie Gold zu Rumpelstilzchens Zeiten. Germanium braucht die Industrie für Infrarotsensoren und Glasfaserkabel, Indium steckt in jedem Dünnschichtbildschirm – bei über einer Milliarde verkauften Smartphones pro Jahr liegt der weltweite Bedarf an Indium bei einigen Hundert Tonnen. Doch das Metall, das 1863 von den Chemikern Ferdinand Reich und Theodor Richter an der Bergakademie Freiberg entdeckt wurde, ist selten. So selten, dass es jammerschade wäre, wenn das Indium, das in Produktionsabfällen wie Schlacken, Stäuben, Reststoffen und Rückständen zum Beispiel aus der Solarindustrie steckt, für immer und ewig in abgeschotteten Halden verschwinden würde, wofür die entsorgenden Unternehmen auch noch viel Geld bezahlen müssen.

Im Biohydrometallurgischen Zentrum für strategische Elemente an der TU Bergakademie Freiberg wird Bergbau neu gedacht. Auf die Frage, wie es gelingen kann, mithilfe von Mikroorganismen wichtige Metalle aus Erzen zu laugen, fand eine junge Forschergruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Bertau eine Methode, gezielt wertvolle Metalle wie Indium in hoher Reinheit zu gewinnen. Dann die Idee: Wenn das bei Lösungen aus Erzen funktioniert, muss das Verfahren doch auch auf Reststoffe anzuwenden sein. Und tatsächlich fanden die beiden jungen Chemiker Martin Reiber und Radek Vostal einen Weg. Um die Idee in den technischen Maßstab umzusetzen und zu vermarkten, brauchten sie neben dem Ingenieur und Teammitglied Robin Hofmann auch eine Betriebswirtschaftlerin. Über das Gründernetzwerk saxeed fanden sie Christina Thölke. Sie war eigentlich zum Promotionsstudium aus der Nähe von Bremen nach Freiberg gekommen, merkte jedoch bald, dass ihr das Praktische mehr lag. Heute koordiniert sie als Mitbegründerin den gewaltigen Kapitalbedarf des Start-ups RMF (Ressourcentechnologie und Metallveredelung Freiberg), das über den EXIST-Forschungstransfer vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und die Dr.-Erich-Krüger-Stiftung eine Förderung von rund 1,3 Millionen Euro erhielt. Dafür haben die Freiberger eine Pilotanlage an der Bergakademie gebaut, in der pro Tag etwa ein Kilogramm Indium aus Reststoffen gewonnen werden kann. Doch nicht nur Indium steht im Mittelpunkt des Interesses von RMF. „Das, womit man begonnen hat, ändert sich oft im Prozess“, sagt die Gesellschafterin. „Erweitert man den Blick und schaut sich statt eines Elements alle Wertstoffe an, erreicht man eine höhere Wertschöpfung und weniger Rückstände. Also betrachten wir die Prozesse von hinten und fragen: Wie können wir sie so gestalten, dass am Ende so wenig Abfall wie möglich übrig bleibt?“ Ein Konzept, das in Zeiten von Ressourcenmangel und steigendem ökologischen Bewusstsein gut ankommt. Schon jetzt hat RMF mehr Anfragen von Unternehmen, als sie bedienen können – darunter auch große Telefonhersteller. Dazu will RMF weiter wachsen – natürlich am Standort Freiberg. „Die Bergstadt ist perfekt für unser Unternehmen“, sagt Christina Thölke. „Hier sitzen viele unserer Pilotkunden, die Anbindung ans Institut für Technische Chemie bietet beste Voraussetzungen, die Wege sind kurz, man kennt sich. Aufgrund der Historie ist das Rohstoff- und Recyclingthema in Freiberg tief verwurzelt, und bis heute spielen die Freiberger bei der Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet weltweit in der ersten Liga.“

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